Infacted – Freier Journalismus als vierte Macht der Demokratie

Um viertel vor fünf morgens taucht manchmal das auf, was tagsüber zu laut wäre, um gehört zu werden.
War dieser Gedanke das Resultat eines feuchten Traums?
Nein — als Bettnässer hatte ich nie meine Zukunft im Auge.
Doch der Gedanke an sich kam relativ trocken um die Ecke, nachdem die Uhr viertel vor fünf anzeigte.
Ja, meine Uhr zeigt an, ist aber dennoch keine Petzerin.
So, was heisst „infacted“ überhaupt?
Nichts!
Also auf den ersten Blick sieht dieses Wort weder bekannt aus und schon gar nicht aussagekräftig in die Landschaft.
Der Duden ist ratlos.
Es liegt ein Wort dahinter, das mein unteres Bewusstsein zu dieser Wortverbiegung angestiftet hat.
Das Originalwort — ja, in Englisch — heisst „infected“, was so viel wie ansteckend bedeutet.
„Bitte das Skalpell!“
Wenn Wörter getrennt werden, kann dies zu Nebenwirkungen führen.
Einige sind lustig, andere verwirrend und wieder andere sinnentfremdet.
Beispiel?
In einer Sendung von „Die Anstalt“ hing ein Protestplakat über dem Geländer mit der Aufschrift: „solid-arisch“. Autsch.
Deshalb Vorsicht bei Trennungen. Denn die können Scheidungen verursachen.
Nun, mein feuchtes Wort macht nach der Trennung etwas mehr Sinn.
„In Fact“ bedeutet „in Wirklichkeit“ und das müde „ed“ rundet die Wirklichkeit in einen ansteckenden Modus.
So weit, so lausig erklärt.
Doch der Traum ging ja noch weiter — und relativ trocken, sprich im halbwachen Zustand.
Und die Geschichte geht in etwa so.
Infacted.
Die Presse hatte früher mal die wunderbare Funktion, als die vierte Macht in einer Demokratie zu stehen.
Journalismus sollte die Regierung und ihre Aktivitäten, Pläne und Ergebnisse unter die recherchierende Lupe nehmen und den Finger auf wunde Punkte legen — und dann kräftig drücken.
Natürlich tut das weh, wenn schwarz auf weiss das eigene Vergehen oder Versagen klar und deutlich kommuniziert wird.
Ich erinnere mich an einen Satz eines Chefredakteurs vor etwa fünfzig Jahren: „Wir Journalisten sind die Kritiker, nicht die Freunde der Politiker.“
„Journalisten fungieren als unabhängige Kontrolleure der Politik, nicht als deren Freunde, und haben die Aufgabe, Fakten zu überprüfen, Informationen zu recherchieren und kritisch zu berichten. Ihr Ethikkodex verpflichtet sie zur Wahrheitssuche und zur Vermeidung von Verzerrungen, was eine distanzierte Haltung erfordert.“ steht im Kleingedruckten geschrieben.
Wie gesagt, das war der Nachhall vor etwas mehr als fünfzig Jahren, der noch immer in meiner Erinnerung blieb.
Nicht erst seit dem Ausbruch von COVID-19 im Jahre 2020 wucherten unzählige Verschwörungstheorien in den Cyberhimmel. Oftmals erschien als als Begleiterscheinung der schlagende Begriff „Lügenpresse“.
Der Begriff „Lügenpresse“ kann und sollte bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgt werden.
Ursprünglich wurde der Ausdruck in politischen Auseinandersetzungen verwendet, um die Glaubwürdigkeit und Objektivität der Presse in Frage zu stellen. In Deutschland gewann der Begriff besonders während des Ersten Weltkrieges an Popularität, als die Regierung versuchte, die öffentliche Meinung durch Zensur und Propaganda zu steuern.
Diese leidige und toxische Verwendung von Diffamierungen erlebt zur Zeit einen echten Höhenflug.
Natürlich gibt es wie bei allen Tendenzen und gesellschaftlichen Veränderungen auch Bewegungen, die sich auf ihre journalistischen ethischen Grundsätze besinnen. Oftmals wurde genau diese Haltung diesen Journalist:innen zum Verhängnis, wenn Milliardäre eines Medienhauses in die Berichterstattung eingreifen wollten.
Es gibt unzählige professionelle Journalist:innen, die sich dem Diktat der Besitzer nicht unterwerfen wollten und sich als freie Medienvertreter selbständig machten. Das Brot wurde zwar karger, aber ehrlicher verdient.
Jeden Tag suche ich immer wieder nach eben dieser ursprünglichen Art von Journalismus, um einigermassen faktenbasierte Nachrichten zu bekommen. Meine Liste an Quellen wurde und wird immer länger. Und damit wurden die Informationen über das Weltgeschehen immer faktenreicher. Die Herumklickerei aller Quellen wird dafür immer zeitraubender.
Dieser wortreiche Ausflug hat einen Sinn.
Kaum zu glauben?
Ich weiss.
Mit dem Glauben habe ich etwas Mühe an sich.
Jedenfalls sah ich beim zweiten Kaffee heute Morgen ein Gespinst, eine Konstruktion, mit der diese freien und feinen Journalist:innen in ein Online-Portal eingebunden werden und dennoch frei bleiben könnten. Das Portal soll nur dazu dienen, dass die mühsame Klickerei wegfällt.
Infacted soll als Portfolio für all die faktenreichen freien Journalist:innen dienen, um den Menschen ihre tägliche Dosis echter Nachrichten bieten zu können, ohne sich mit der Klickerei und Sucherei zu beschäftigen.
Nein, ich habe keine konkreten Pläne, um ein solches Projekt zu realisieren. Kein Budget, kein Team, keine Roadmap. Nur einen Gedanken, der um viertel vor fünf morgens zu hartnäckig war, um ignoriert zu werden.
Vielleicht ist das der richtige Zeitpunkt für solche Ideen — wenn der Verstand noch zu müde ist, um sie kleinzureden.
In der Zwischenzeit klicke ich mich täglich durch die Gilde der freien Journalist:innen, um Infacted zu bleiben.
„Die Wirklichkeit ansteckender Nachrichten mit Fakten.“
Ursprünglich erschienen auf canachris.ca

