Ab Surdistan alle Billette bitte!
Der Zug nimmt Fahrt auf. Das ist nicht verwunderlich, denn das ist sein Job. Sein einziger Job. Doch dieser Zug zeigt deutliche Züge von Sinnlosigkeit. Wahrscheinlich sind dies Zeichen der Absurdität.
“Das ist absurd!” Wer kann sich konkret und deutlich ein Bild vorstellen, das den Begriff absurd abbildet? Widersinnig oder sinnlos sind Attribute, die dem Absurdismus zugeordnet sind. Ergo ist das Absurde der fehlende Sinn des Lebens an sich? Das zumindest meinte Albert Camus, seines Zeichens Philosoph und Schriftsteller. Er griff in die griechische Mottenkiste und holte den antiken Mythos von Sisyphos ins Rampenlicht. Dieser zum Absurden verdammte Mann musste einen Felsblock einen Berg hinaufrollen, der kurz vor dem Gipfel jedes Mal wieder ins Tal rollt. Immer und immer wieder. Ein Mann beschäftigt sich mit einer schweisstreibenden völlig sinnlosen Tätigkeit.
Fragte Sisyphos nach dem Zweck seiner ewig dauernden Plackerei, die nur Sinnfreies zu bieten hat? Vielleicht.
Absurd?
Das Absurde kann aber durchaus witzig sein, obwohl der Sinn - tiefer oder flacher - in keiner Weise vorhanden zu sein scheint. Es geht um Kasachstan und den englischen Komiker Sascha Baron Cohen, den Eiferer für das Absurde in Film und Fernsehen.
Im Jahr 2006 erschien Sacha Baron Cohens Film “Borat: Cultural Learnings of America for Make Benefit Glorious Nation of Kazakhstan” – und die kasachische Regierung war nicht im Geringsten amüsiert. Der damalige Aussenminister Tokajew drohte dem Komiker mit rechtlichen Schritten. Die Regierung von Kasachstan schaltete kostspielige Inserate in der Washington Post und stellte Kasachstan als modernes, stolzes Land dar. Tokajew wunderte sich über den Effekt der Inseratenkampagne. Nachdem Borat der Film gestartet war, rissen sich Touristen um Flugtickets nach Kasachstan. Die Behörde für Tourismus bestätigte, dass viele Besucher explizit wegen Borat anreisten. Die Regierung sah sich plötzlich in einer kafkaesken Zwickmühle, denn die bekämpfte Kunstfigur Borat wurde zum Tourismustreiber für Kasachstan.
Doch das war erst der Anfang des Absurden. Bei den Olympischen Spielen in London 2012 gewann die kasachische Schützin Maria Dmitrienko die Goldmedaille im Schiesssport. Versehentlich spielten die Organisatoren die parodistische Hymne von Borat “Kazakhstan is the Greatest Country in the World”. Auf die echte Nationalhymne von Kasachstan wartete das Publikum vergeblich. Der Staatspräsident stand stramm auf dem Podest, die Hand auf der Brust und hörte die Worte “All other countries are run by little girls”.
Absurd. Aber witzig.
Doch die Spitze des Borats Berg von Absurdistan kam, als der im 2020 erschienene Sequel “Borat Subsequent Moviefilm” im Kino anlief. Sacha Baron Cohen reiste erneut nach Kasachstan, denn die Regierung hatte jetzt offiziell kapituliert. Das Tourismus-Ministerium übernahm schlauerweise Borats Erkennungsphrase “Very Nice!” als offiziellen Werbeslogan und fütterte fortan die Image-Kampagnen für den Staat Kasachstan.
Kasachstan hatte gewonnen – indem es auf den Zug der Absurditäten aufgesprungen ist.
Macht das Absurde immer solchen Spass, wenn sich das Sinnvolle nicht blicken lässt?
Oh ja.

