Früchte und Hülsen
Hülsen haben ein grosses Problem - sie tauchen ungefragt auf. Ohne Ankündigung, ohne Entschuldigung. Einfach da. Irritieren die Zuschauer und sind auch noch stolz drauf.
Hülsen und ihre Auswirkungen sind nicht sofort schmerzlich. Sie greifen niemanden direkt an. Sie stehen einfach nur in der Gegend eines Textes herum. Und agieren eine Spur zu arrogant.
Hülsen und ihre Früchte sind der Einheitskompott, der sich als Rhetorik verkauft.
An sich ist dies eine traurige Angelegenheit, wenn sich bisher gut situierte und angesehene und angelesene Wörter sich missbrauchen lassen. Wenn sie plötzlich merken, dass sie innerlich leer geworden sind. Die äussere Fassade steht noch und sieht auf den ersten Blick noch immer tadellos aus. Das ist, was Fassaden am liebsten tun. Gerade da stehen und ein Bild der Harmonie mit sich und der Geschichte vorgaukeln.
Die Liste der Leergelaufenen wird immer länger. Die inhaltlichen Wortleichen sind in der Wörtergrube gelandet. Was tun sie da? Sie füllen ganze Seiten mit ihrer Präsenz, um eine ganz normale, bis anhin gute Story in die Länge zu ziehen. Der Kaugummi, der den Text wichtiger machen will, als er ist. Ich meine, wer reagiert noch bewusst auf Phrasen auf Hülsen wie “Am Ende des Tages...” Was bedeutet das genau? Ist das die Einleitung zu einem Fazit, das selten morgens passiert? “Im Grunde genommen schon” meint die Nachbarhülse lauthals. Von welchem Grunde faselst du denn da? “Wie bereits erwähnt...” das ist ja das Problem, wenn Hülsen sich ständig irgendwo erwähnen lassen. Oha, einer meiner Favoriten ist “Wenn man so will” Darauf konnte ich mir nie einen Reim machen, weil diese vier Worte als Insel der Verdammnis im Text vergammeln. Wer ist man und wenn greift der Wille?
Diese eine Hülse bringt mich in eine kleine private Raserei: “Man wird nicht jünger.” Bitte was? Habe ich das irgenwann mal behauptet? Erstens Mal wäre dies ein brutaler Eingriff in den Lebenszyklus, die meist per Spritze erfolgt. Andererseits habe ich mehrere und ziemlich ehrliche Spiegel gänzlich ohne Filter. Die sagen wortlos, wer da vor dem schimmernden Glas steht.
Irgendwann in grauer Vorzeit studierte ich eine zeitlang nicht nur mein Leben an sich, sondern die Methodik des Marketing. Vor allem die Seite des Werbetexters fand ich spannender als alles andere. Denn diese Texter haben eines gemeinsam: Sie kennen die Regeln der deutschen Grammatik. Nein, es geht nicht um das perfekte Anwenden, sondern um das bewusste Brechen dieser starren Regeln. Mit der gebrochenen Seele des Wortes sollen die möglichen Käufer:innen ins Stocken geraten und damit dem Plakat, dem TV Spot oder dem Banner mehr Zeit widmen. Sie wollen verstehen, was dieser Satz wohl falsch widergegeben hat.
Im Repertoire von Werbetextern wurden aber auch unzählige freiwillige oder unfallverursachte Sätze in Hülsen verpackt. Wer hat schon mal in einer Hotline dieses hören müssen: “Ihre Meinung ist uns wichtig.” Oder die profane Aufforderung, einfach über den Tellerrand zu schauen. Denn “wir streben nach Exzellenz” ist das erklärte Ziel in Ländern, die mit völliger Absenz bei Royalen Herrschaften glänzen.
Hülsen tragen Früchte, wenn der Kopf etwas Pause macht. Wie gerne falle ich genau auf solche Plattitüden rein, wenn mir sonst nichts mehr einfällt.
Das nutzen diese Früchte der schlechten Rhetorik brutal aus und drängen sich ins Geschehen.
Keine Sorge, es gibt viel Schlimmeres, das in Hülsen steckt. Patronen zum Beispiel
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