Insel Town
«Wir sind dann mal weg.» ist der Ruf der kanadischen Separatisten in Alberta, Kanada. Nein, solche Forderungen oder Pläne sind weder neu noch revolutionär. Doch diesmal wird das Austreten aus dem Land
Mitten im Golf von St. Lawrence, 200 Kilometer vom nächsten Supermarkt entfernt, beschlossen die Bewohner der Îles-de-la-Madeleine einmal ernsthaft, Kanada zu verlassen. Nicht aus Wut. Eher aus Erschöpfung. Und ein bisschen aus Stolz. Die Insulaner fühlten sich abgehängt, denn zwischen Kanada, der Nation, dem Land und den Inseln bestand nur eine wässerige Verbindung. Immerhin «gründeten» sie die Republik Madawaska als ein Mittelding zwischen Realität und Witz. Das war eher ein kulturelles Konstrukt, das im 19. Jahrhundert begann und bis 1977 wirkte, doch es war keine wirkliche Absicht zum endgültigen Goodbye. Die Unabhängigkeitsbewegung der Madeleine-Inseln unter dem Einfluss eines Mannes namens Antonin Doiron zeigte hingegen auf, wie wichtig die Gemeinschaft eines Staates wirkt. Im Falle der Inselbewohner von Madeleine hat es nicht funktioniert.
In der Schweiz waren es die Menschen im westlichen Teil im Jura, die sich von der Schweiz oder zumindest vom Kanton Bern lösen wollten. Und es auch taten. Der Kampf im felsenbestückten Jura hat Jahrzehnte gedauert. Doch die Freiheit von einer unverständigen Obrigkeit ist zu süss, um sie zu ignorieren. Der jüngste Kanton heisst Jura und macht bisher eine gute Figur in der Confoederatio Helvetica.
Irgendwas an der Geschichte löst Erinnerungen aus. Ach ja, jetzt erinnere ich mich. Meine eigene «Befreiungsgeschichte» vor zehn Jahren hat ähnliche Züge oder Flugzeuge, die mich motivierten, die Schweiz endgültig zu verlassen. Nein, die Schweiz hat mich nicht ignoriert. Basel erst recht nicht. Der Lockvogel war das Abenteuer, das Neue, das Unbekannte und das Süsse des Entdeckens. Die Entscheidung für meinen Austritt aus der Schweiz (!) dauerte immerhin ganze und lange zwei Sekunden. Dann packte ich meine beiden Kater und einen Koffer und landete in Toronto.
Der Unterschied zu den Madeleine Inseln? Ich bin kein Insulaner. Ich bin in der Gemeinschaft oder im Team Kanada gelandet. Sanft und mit einer Kultur der Offenheit und Chancen, die ich nie erwartet hätte. Oh ja, Basel hat mich auf dieses Leben vorbereitet, denn Grenzen zu Deutschland und Frankreich waren keine Hürden, sondern Gelegenheiten für Offenheit und Toleranz.
In der Provinz Alberta stehen die Zeichen momentan auf Austritt aus Team Kanada. Ob dies auch eine Zweisekunden-Entscheidung war, ist nicht dokumentiert. Aber der Zeitpunkt ist bestimmt schlecht gewählt. Wenn die Bedrohungen aus dem Süden des Kontinents konstant stärker und intensiver werden, ist der Wert des Zusammenhaltens die stärkste Kraft einer Nation.
Abwarten und Cesar (der typisch kanadische Cocktail) trinken? Oh nein. Der kanadische Teamgeist ist hellwach und willens, die Souveränität Kanadas zu verteidigen.
Diesmal mehr als zwei Sekunden.


