Ver Mutung
Wenn sich Stereotypen mit Erwartungen, Vorstellungen und Assoziationen zum fröhlichen Stelldichein treffen, dann geht es aber rund.
Und oftmals gutmeinend lustig zu und her. Denn hier stellen sich Geschichten ein, die noch nicht existieren, aber bereits ein Konstrukt darstellen. Eine Sicht auf etwas oder jemanden, die klar kommuniziert wird, aber dessen Grundlage ziemlich wacklig in der Gegend steht.
Die Vermutung hängt gerne Bilder an die imaginäre Wand einer möglichen Zukunft. Denn sie hat grosse Vorstelllungskraft und die benutzt sie liebend gerne. Es ist befreiend - wenigstens für die Vermutendene - eine ziemlich exakte Geschichte über die Entwicklung zum Besten zu geben. «Das wird niemals funktionieren.» Wie oft hatte ich das Vergnügen, diesen oder ähnliche Sätze zu hören. In jungen Jahren haben mich diese Aussagen ganz schön aus dem Konzept geworfen, das erst noch in der Entwicklung war. In meinem Kopf zumindest. Und dann kommt die gutgelaunte Vermutung um die Ecke und macht meine Idee, mein Projekt bereits madig?
Ja. Warum nicht?
Schliesslich werden Statements wie diese nicht einfach so in die Luft geworfen. Oh nein, das sind durchwegs Stimmen und Stimmungen von Menschen, die Bescheid wissen. Denke ich zumindest. Denn wie sonst wären diese Leute derart explizit sicher und bestimmend in ihren Kommentaren?
Zurückblickend ist eine Tätigkeit, die ich selten ausüben mag. Erstens sind meine Rückspiegel stark beschlagen und zweitens sehe ich kaum Neues aus der Vergangenheit. Falls die Vergangenheit verändert erscheint, dann wird die Sache eh etwas nebulös, wenn jemand oder etwas an den Ereignissen der herumgedreht hat.
Doch heute tue ich dies etwas länger, weil ich die Vermutungen von damals unter die Lupe nehmen will.
Vermutungen, vor allem die klar und laut geäusserten, haben eine fatale Wirkung. Sie demotivieren. Sie stören. Sie verwässern die Lust auf das Abenteuer. Obwohl, viele Vermutungen sind gutgemeint und scheinbar braucht es für den Gutmeinenden viel Mut, um jemandes Traum in den Mülleimer zu katapultieren.
Die wichtigste und verstörende Vermutung für mein junges Leben hat lange gehalten: «Du wirst nie vom Schreiben alleine leben können.»
Autsch. Das war bitter, wenn gelebte Leidenschaft des Erzählens in schriftlicher Form zur bitteren Erkenntnis wird. Denn je mehr ich diesen oder ähnliche Sätze zu hören bekam, umso glaubwürdiger wurde diese Vorstellung. «Wahrscheinlich haben die alle recht.»
Es brauchte viele Jahre und den grossen Zusammenbruch, bis ich diesen im Kopf eingebrannten Satz endlich ausradieren konnte. Denn Not ist gut darin, die eigene Kreativität zu reizen und Vermutungen links liegen zu lassen. Probiers einfach. Tu es einfach. Kaum waren diese ätzenden Vermutungs-Behauptungen aus dem Blickfeld verschwunden, da wurde die Sicht freier. Kreativer. Lustvoller.
Mut? Nein, daran dachte ich kaum, als ich aus dem Tal des Versagens hervorkrabbelte. Es war pure Lust, dem vermuteten Schicksal eine lange Nase und den mittleren Finger zu zeigen.
Was erzählt dieser Mann hier?
Vor bald einem Viertel Jahrhundert sah ich einen Haufen Scherben. Meine Scherben. Meine Firmen, mein Vermögen und meine Selbstbewusstsein lagen vor zersplittert vor mir. Vorsicht bei der Wahl eines Geschäftspartners.
Das war zerstörend und verstörend. Oder wie es dramatisch ausgedrückt heisst:”Sein Leben lag in Scherben!»
Nun, ich sah das etwas anders. Scherben bringen Glück? Das weiss ich nicht, denn ich bin nicht abergläubisch, denn das bringt Unglück (!).
«Du wirst dich niemals davon erholen, Christian.»
Eine weitere Vermutung für meinen Lebensweg?
Ach wie schön. Doch diesmal hörte ich nicht hin. Der Regler zur Ignoranz lässt sich leicht nach oben drehen, um sich nicht aus dem Konzept bringen zu lassen.
Heute bin ich dem Drama mehr als nur dankbar. Alles Materielle zu verlieren und mit Schulden eingedeckt zu sein war die beste Motivation.
Not macht erfinderisch. Und in meinem Falle dankbar und glücklich. Denn das Erfinderische hat das Neubadmagazin und mein Exil nach Kanada möglich gemacht. Entgegen aller Vermutungen.
Lass uns wieder mutiger, erfinderischer und kreativer sein.
Die Welt braucht mehr kreative Spinner als je zuvor.
Ist zumindest meine Vermutung.


